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Tee
Aelin
Obwohl ich die ganze Nacht über von Albträumen heimgesucht wurde, ist mein Level auf 58%. Seit das Virus in mir ausgebrochen ist, bin ich nicht mehr so stabil aufgewacht.
Vielleicht ist das eine Nachwirkung des Nals.
Das Salz meiner Tränen klebt noch an meinen Wangen und bringt sie unangenehm zum Spannen. Langsam öffnet mein Holo das Panorama. Serenes Strahlen streifen über meinen nackten Körper und treiben mein Level auf 63%.
Das fühlt sich gleich noch besser an. Die Bilder von letzter Nacht sind immer noch in meinem Avatar präsent, aber jetzt sind sie mehr wie eine Erinnerung. Mein Körper wird nicht mehr getriggert. Doch die Frage, warum das alles geschehen ist, warum Serpentis mich geschlagen hat, lässt mich nicht los. Athymy ist nicht ansteckend. Außerdem, als ich Sirrah das letzte Mal in der Neon Lounge gesehen habe, hatte sie den ganzen Abend nur über ihre Mediprüfung gesprochen. Sie war total euphorisch, hat viel gelacht und sich auf ihre Zukunft gefreut. Keine Spur von Athymy.
Ich verstehe das nicht.
Habe ich an dem Abend etwas zu ihr gesagt, das Sorgen und Ängste bei ihr ausgelöst haben könnte? Eigentlich eher das Gegenteil. Ich habe mich sehr für sie gefreut und sie gebeten, mir gleich ihr Ergebnis mitzuteilen.
Ist sie vielleicht doch durchgefallen?
Bei einer so wichtigen Prüfung zu versagen, könnte eine Athymy auslösen, da weiß ich, wovon ich rede.
Moment mal.
Ist es deshalb? Glaubt Serpentis deshalb, ich hätte Sirrah angesteckt, weil ich nach meiner eigenen verpatzten Prüfung so schlecht drauf war? Das könnte zumindest erklären, warum Sirrah nicht auf meine Memos reagiert. Wenn sie wirklich durchgefallen ist, will sie jetzt vielleicht einfach nur eine Weile für sich sein.
Die viel wichtigere Frage ist, warum Serpentis sich so für Sirrah interessiert? So sehr, dass er komplett die Beherrschung verliert. Der Wahnsinnige hätte mich fast von meinem Avatar getrennt.
Seufzend stehe ich auf und versorge mein System erst mal durch tiefe Atemzüge mit Sauerstoff. Der Angstschweiß von letzter Nacht klebt mir stinkig am Avatar. Ich schlurfe ins Reinigungszimmer und wasche mir die letzten Überreste dieses Horrorerlebnisses von der Haut. Dabei driften meine Gedanken zurück zu Asterin. Schuldbewusst zieht sich mein Herz zusammen. Ich hätte in der Nacht noch wenigstens eine seiner besorgten Memos beantworten sollen. Es war für ihn sicher ein Schock, das ganze Blut an mir zu sehen. Aber gestern war definitiv der falsche Zeitpunkt, um zu erklären, was passiert ist. Ich war völlig durcheinander und überfordert mit der Situation. Kein logischer Satz wäre mir über die Lippen gekommen.
Heute fühlt es sich anders an.
Mein Avatar erinnert sich an das Gefühl von Asterins blanken Fingern auf meinem Rücken. Ich bekomme eine Gänsehaut, obwohl ich unter dem warmen Wasserstrahl stehe.
Ich schließe die Augen und halte mein Gesicht unter den feinen Strahl.
Die Wärme tut so gut.
Obwohl das Nal meine Wunden geheilt hat, lag ich durch die Angst die ganze Nacht über total verkrampft da. Die Hitze lockert meine Muskulatur und beruhigt meine Nerven. Mein Avatar nutzt den entspannten Moment und zeigt mir wieder diese Fantasie von Ass und mir auf einem Verbindungsball. Wie wir ganz eng zusammen stehen und er seinen Arm um mich legt. Ich kann Asterins Flüstern hören und fühlen, wie seine warmen Lippen beim Sprechen mein Ohr berühren.
Bei Galaxia.
Mein Herz klopft so schnell, dass mir die Sicht verschwimmt. Das ist so dumm. Ich darf mich nicht mit ihm testen lassen. Schwankend trete ich aus der Duschkabine, hocke mich vor den großen Reflektor und unter den warmen Luftstrom. Er wirbelt meine Haare wild durcheinander, verschluckt dabei mit seinem Krach mein peinliches Schluchzen. Zittrig drücke ich den Zeigefinger auf mein drittes Auge und denke an das schöne Gesicht unserer Göttin.
Bitte Deva Galaxia, bitte mach, dass Asterin sich nicht für den kommenden Verbindungsball registriert.
Die Vorstellung, dass er sich mit einer anderen Frau matcht, kann ich kaum ertragen. Ich hoffe so sehr, dass ich gesund bin, bevor er sich dazu entschließt, nach einer Partnerin zu suchen.
Ich will doch mit Ass zusammen sein.
Immer.
Mit dem Handrücken wische ich mir die Tränen vom Gesicht und tapse rüber in mein Zimmer an die alte Kleiderkommode, die Arryn und Ass für mich aus Altmetall gebastelt haben, damals als ich mich so für das vergangene Zeitalter interessiert hatte. Asterins turmalin-grüne Augen funkeln mich von der E-Motion-Fotografie aus an.
Ich will doch einfach nur normal sein.


Das Virus nutzt meine Verletzlichkeit aus, erinnert mich an das Gefühl, als Asterin mich gestern auf dem Vola an seine Muskulatur gepresst hat und wie er auf der Dachterrasse meine Hand gehalten hat. Ein leises Seufzen dringt aus meiner Kehle.
Aelin, das war so was von illegal.
Aber was kann ich dagegen tun? Mit Asterin fühlt sich jeder Moment einfach nur wie Elysian an. Das ist so schön und ich hasse mich dafür, dass ich nicht dagegen ankomme. Dieses Verlangen nach Asterin, das ist nur die kranke Fantasie meines infizierten Avatars. Eigentlich bewundere und respektiere ich Ass dafür, was er für die Regierung und die Bewohner der City leistet. Für seinen aufrichtigen und ehrlichen Charakter. Ich bin es nicht, die sich nach seiner Berührung sehnt.
So verhält sich nur das Virus.
Hastig schlüpfe ich in meinen Suit und lasse mich, zusammen mit der E-Motion-Fotografie, aufs Bett fallen. Mein Bruder grinst darauf über beide Ohren. Siegreich streckt er den Arm in die Höhe. Asterin verbeugt sich respektvoll vor den Massen. Sein wunderschönes Gesicht lässt kaum eine Deutung zu.
Was er sich damals wohl gedacht hat?
Die Szene spielt sich immer wieder von Neuem ab. Arryns Arm geht in die Luft, Asterin verbeugt sich. Vorsichtig streiche ich über seine Haare und frage mich, ob sie sich in Wirklichkeit genauso weich anfühlen, wie sie aussehen. Ich erinnere mich, dass sein Lichtbild wochenlang wegen des Verzichts auf den Studienplatz auf sämtlichen Infoscreens in ganz Clarity zu sehen war. Niemand hat es kapiert. Auf meine Frage, warum er nicht auf Alas studieren möchte, hat er nur die Schultern gezuckt.
Insgeheim, das muss ich zugeben, bin ich froh darüber.
Meinen Bruder zu vermissen ist schon schwer genug für mich. Ohne Asterin würde ich es auf Aeonian gar nicht aushalten. Obwohl ich wegen des Virus jetzt anders für ihn empfinde.
Oder gerade weil ich wegen des Virus jetzt anders für ihn empfinde?
Mein Avatar lächelt innerlich und zeigt mir wieder den Moment, als Asterin auf der Dachterrasse meine Hand genommen hat. Mein Level klettert noch ein Stück höher. 85%.
Ich muss auf jeden Fall nochmal zur Lilura. Es wird immer schlimmer, anstatt besser.
Meine Eltern sitzen schon am Tisch. Papa unterhält sich über seinen Holo mit einem Mitarbeiter, Mama schenkt ihm Tee nach. Ihre langen pinken Haare hat sie zu einem strengen Zopf gebunden und sie trägt heute ihren weißen, statt dem blauen Suit. Auch Papa sieht zurecht gemacht aus. Der wilde schwarze Bart ist ab und sein langer weißer Kittel ist fein säuberlich geglättet.
Habe ich was verpasst?
Verunsichert schleiche ich am Tisch vorbei und in die Küche.
»Guten Morgen. Na, alles gut?«
Mama legt ihre schlanken Arme von hinten um mich und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Mein Level steigt auf 95. Fast hätte ich laut geseufzt.
»Ja, alles gut.«
Sie lächelt, schnappt sich die Box mit den Energieriegeln und setzt sich zurück an den Tisch.
»Was ist denn dein Plan für heute?«
»Ich weiß noch nicht.«
»Nicht?«
Ihr sage ich bestimmt nicht, dass ich in die Xenization fliege. Sonst hält sie mir nur wieder eine Predigt, wie schrecklich faul, unsozial und pervers die Xenis doch alle sind und dass ich eine Verwarnung bekommen kann, wenn ich erwischt werde. »Aelin, diese Leute halten sich nicht an die Gesetze, Bla Bla Bla.«
Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.
Auch wenn ich mich dort eigentlich mit einer Exe und nicht mit einem Xeni treffe, was sie wahrscheinlich weniger schlimm finden würde.
»Nein, ich schaue mal, was sich so ergibt.«
Hinter den Energieriegeln steht ganz unscheinbar eine weiße Dose mit der Aufschrift: Ein Geschenk für Aelin. Hier bewahre ich die Kräuter auf, die ich von der Lilura bekommen habe. Es ist nicht mehr viel drin, aber ehrlich gesagt, hatte ich bisher nicht das Gefühl, dass mir der Tee überhaupt geholfen hat. Weder für mein Levelproblem noch gegen das Virus. Das heiße Wasser steigt in feinen Dampfwölkchen nach oben und färbt sich lila in der weißen Tasse.
Ich puste den heißen Dampf weg und spähe rüber in den Essbereich. Mama hat den Tisch, wie immer, mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt. Seit Nerezza das Arbeitspensum erhöht hat, ist der Frühstückstisch Mamas einzige Pause des Tages. Wenn ich so viel arbeiten müsste wie sie, würde ich mich am Morgen auch so richtig vollstopfen. Mit meiner, nach Lavendel duftenden, illegalen Teemischung in der Hand setze ich mich zu meinen Eltern an den Tisch und belade meinen Teller mit süßem Obst, um meine Energiespeicher zu füllen. Mama lächelt mich an.
»Dein Vater und ich sind heute mal wieder in unserem Labor in Aonaran.«
Deshalb also die vornehme Aufmachung.
»Sie haben dort anscheinend einen ungewöhnlichen Neuankömmling in die Verwahrung gebracht.«
Hustend setze ich die Tasse ab.
Ungewöhnlich? Ist es vielleicht doch Sirrah?
Mama beißt von ihrem Energieriegel ab und durchblättert gemütlich die Infoseite von Clarity auf ihrem offenen Holo.
»Echt? Wen denn?«
Ich versuche unbeeindruckt zu wirken.
»Eine Exe. Wahrscheinlich eine Duman.«
Eine Exoaeonianerin? Galaxia sei Dank.
Der Atem, den ich unbemerkt angehalten habe, strömt laut aus meinen Nasenlöchern.
»So jemanden hatten wir schon lange nicht mehr.«
Mit einem Wisch schließt Mama ihren Holo und wirft Papa einen flüchtigen Blick zu. Abrupt beendet er sein Gespräch und grinst mich an.
»Komm doch mit.«
In die Verwahrung?
»Willst du mir Angst machen?«
Kommentiere ich scherzhaft. Papa räuspert sich, streicht langsam durch sein dichtes schwarzes Haar.
Er meint das ernst?
Schockiert starre ich ihn an.
»Ich versuche nur, dir zu helfen, Aelin.«
»Indem du mich schon mal durch mein zukünftiges Zuhause führst, oder was?«
Papa atmet genervt aus.
»Sei doch nicht immer so dramatisch.«
»Dramatisch?«
Beleidigt verschränke ich die Arme vor der Brust. Er hat ja keine Ahnung, was ich gerade durchmache. Die Angst vor einer möglichen Virusaustreibung ist schon groß genug. Dann noch die Sache, dass Sirrah sich nicht meldet und die Prügel von Serpentis.
Ich kann mich nicht um alles gleichzeitig kümmern.
»Du kommst natürlich mit uns ins Labor, nicht ins Arbeitslager.«
Trotzdem.
»Dein Orientierungsjahr neigt sich dem Ende und du hast dich noch immer nirgends eingeschrieben.«
Das ist ja nicht meine Schuld.
»Wenn du noch Zeit brauchst, melde ich dich bei mir als Praktikantin an, dann hast du für ein paar extra Monate deine Ruhe und kannst dir überlegen, was du in Zukunft wirklich machen willst.«
Mann.
Ich will ja Praktikantin sein. Das ist für mich die einzige Option, noch nach der verpatzten Prüfung irgendetwas im Bereich Forschung zu leisten. Aber ich kann nicht.
Ich habe das Virus in mir.
»Komm doch mit. Eine Duman ist sehr selten, das wird dir gefallen.«
Mama steht auf und räumt den Tisch ab. Ich bekomme eine Memo von ihr, mit dem Informationsbogen der Exe. Noch nie bin ich jemandem begegnet, der mit den Seelen auf der anderen Seite kommunizieren kann. Es wäre sehr spannend, bei den Untersuchungen dabei zu sein. Meine Eltern in Aktion zu sehen. Wie sie die Wesen mit Fähigkeiten studieren und deren Talente dokumentieren.
Das will ich auch.
Aber ich darf nichts riskieren. Bisher ist es mir gut gelungen, mein Levelproblem vor meinen Eltern zu verheimlichen, und das soll auch so bleiben. Wenn ich mir vorstelle, wie geschockt sie sind, wenn sie für das Gesundheitszertifikat höchstpersönlich das Virus in meinem Blut nachweisen, wird mir ganz schlecht. Bevor ich mich verführen lasse, öffne ich die Mail lieber erst gar nicht.
»Danke, aber gerade fällt mir ein, dass ich schon verabredet bin.«
Papa seufzt enttäuscht.
»Das Thema ist noch nicht vom Tisch, Aelin.«
Er gibt mir einen Kuss auf den Scheitel und meine Eltern verlassen unsere Unterkunft.
Unzufrieden lasse ich mich aufs Bett plumpsen. Mein Atem strömt laut aus meiner Nase und auf dem dunklen Hintergrund meiner Lider strahlen mich Sirrahs lila Augen fröhlich an. Sie lächelt und ich höre, wie sie neckisch meinen Namen ruft.
Wo bist du nur?
Ich öffne nochmal unsere Unterhaltung. Meine neuen Nachrichten gehen nicht mal mehr durch und die alten hat sie gar nicht gelesen.
Ob sie wirklich wegen der verpatzten Prüfung an Athymy leidet?
Dafür gibt es doch aber jede Menge Psychotropika. Dopamin, Serotonin, Endorphin, die Liste ist lang. Jeder Medi hätte sie damit eingedeckt und nach Hause geschickt und nicht in die Verwahrung eingewiesen.
Das kann doch nicht sein.
Bevor ich mir jetzt zu viele Sorgen mache, sehe ich mich erst mal in der Xenization um. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Sirrah dort vor ihrer Mutter versteckt. Vielleicht war Vela Tauri mit ihrem Prüfungsergebnis nicht zufrieden und es gab Krach.
Abrupt springe ich vom Bett auf, gehe nochmal an meine Kleiderkommode. Mit einem Suit bei den Xenis aufzutauchen, ist eine ganz schlechte Idee. Umständlich zwänge ich mich in ein enges weißes Top. Dazu wähle ich meine kurze schwarze Jacke. Sie hat nach meinem letzten Vola-Absturz zwar nur noch einen Ärmel, aber dafür ist der wenigstens temperaturregulierend. Den Kragen schlage ich hoch und nehme zur Sicherheit eine dunkle Maske mit, die Mund und Nase verdeckt. Meine makellose Haut wird mich sonst schnell als eine aus der City entlarven.
Das kommt bei den Wenigsten gut an.
Der Gummizug der lockeren Hose drückt sich eng an meinen Unterschenkel. Ihr Stoff ist, je nach Lichtverhältnissen, fast durchsichtig, obwohl er schwarz ist und besonders vorteilhaft fällt er auch nicht. Mein Gesäß sieht richtig unförmig darin aus.
Total nervig.
Solche Kleidung ist einfach nicht mein Ding. Ich schnalle mir noch einen Gürtel an die Hüfte, mache meinen Beutel daran fest und ziehe die kurzen Stiefel über, dann kann es losgehen.