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Unantastbar
Aelin
Mein Herzschlag hämmert so laut in meinen Ohren, dass ich kaum etwas anderes höre. Ich bin so aufgeregt, dass mir die Hände zittern. Hektisch blinzle ich die Tränen weg und verschränke die Arme vor der Brust, damit Serpentis nichts bemerkt.
»Das kann doch niemals sein!«
Mein Atem geht schwer. Serp schließt für einen Moment die Augen, lehnt sich mit dem Kopf an die glatte weiße Wand des Interface Towers.
»Wieso hat man sie in die Verwahrung gebracht?«
»Athymy.«
Presst er durch seine schmalen Lippen hervor.
Soll das ein Scherz sein?
»Wegen Athymy kommt doch niemand nach Aonaran!«
Meine Stimme überschlägt sich.
Hat Nerezza Lyrae die Sittenregeln verschärft? Ist Unglücklichsein jetzt illegal?
Gestresst streicht sich Serpentis eine grüne Strähne aus der blassen Stirn. Er schüttelt den Kopf, schnalzt verächtlich mit der Zunge und wie aus dem Nichts landet seine Hand plötzlich auf meinem Mund. Er packt mich an der Schulter und schleudert mich gegen die Wand des IF Towers.
Bei Galaxia.
Der Aufprall treibt mir die Luft aus den Lungen. Tränen sammeln sich in meinen Augenwinkeln. Reflexartig schnappt mein Avatar nach Sauerstoff, aber Serps Hand blockiert meine Nasenlöcher.
Ich kann nicht atmen.
Panisch klammere ich mich an sein Handgelenk, versuche mich zu befreien, doch er drückt meinen Kopf noch fester an den Tower.
Was soll das?
»Dass du dich nicht schämst?«
Seine Stimme klingt gepresst.
»Lass mich los!«
Schreie ich gegen seine Handfläche, doch er schnaubt nur verächtlich. Das Schwarz seiner Pupillen weitet sich, bis fast nichts mehr von der senfgelben Iris übrig ist.
Ist er verrückt geworden?
Mit aller Kraft zerre und ziehe ich weiter an Serpentis Fingern, doch er lässt nicht locker. Ganz im Gegenteil. Er legt seinen Unterarm über meine Brust, pinnt mich noch fester an den Tower. Die Haut an meinen Schulterblättern reißt unter dem dünnen Suit auf. Es tut so weh.
„Der Körper eines Wesens ist unantastbar.“
Die Stimme Nerezza Lyraes hallt in meinem Kopf wider. Das Gesetz hat sie bei ihrer Einweihung geschworen. Es hat sich nichts geändert.
»Lass los! Fass mich nicht an!«
Serpentis ignoriert die Memo auf seinem Screen.
Will er etwa, dass ich mich von meinem Avatar trenne?
Mein Herz schlägt so laut, dass ich Angst habe, es springt jeden Moment aus meiner Brust.
30%. ÜBERLEBENSMODUS. Blinkt in großen Lettern auf meinem Holoscreen.
Überlebensmodus? Bei Galaxia!
Ein ekliges Kribbeln breitet sich von meinem Scheitel bis in die Stirn aus. Mein Sichtfeld wird immer dunkler.
»Bei Galaxia! Hör auf!«
Die Sehnen und Muskeln an Serpentis Arm spannen sich noch mehr an. Der brennende Schmerz breitet sich jetzt von den Schultern auch auf meine Wirbelsäule aus.
»Serpentis! Bitte.«
Das ist die letzte Memo, die ich schicken kann. Mein Holo blinkt und flimmert. Bald sehe ich nichts mehr. Kraftlos lassen meine Hände von Serp ab. Mein Pulsschlag verlangsamt sich, trotzdem wird mein Körper immer heißer, so unfassbar heiß. Die Hitze staut sich unter meinem Suit und in meinen Haaren. Kalter Schweiß rinnt von meinem Kopf den Nacken hinunter.
Ist das der Moment? Fühlt es sich so an?
Ich spüre ein auflösendes Kribbeln in meinen Fingern und Zehen.
Ja, ich trenne mich von meinem Avatar.

Meine Knie prallen auf den Asphalt. Mein Kopf knallt dumpf auf den Boden und sofort fühle ich, wie es warm und nass unter mir wird. Mein Avatar schnappt laut nach Luft. Ich huste und versuche, auf die Beine zu gelangen, aber mir ist so schwindelig. Der pulsierende Schmerz in meinem Gehirn ist kaum auszuhalten. Aus Reflex schütze ich meinen Kopf mit den Armen, ziehe mir die Knie bis ans Kinn und versuche, den Sauerstoffmangel mit tiefen Atemzügen auszugleichen. Auf 20% geht mein Holo wieder an. Er blinkt immer noch im Überlebensmodus.
So etwas Furchtbares ist mir noch nie passiert. Mein Avatar und ich, wir hätten uns fast getrennt. Ich wäre fast …
»Tu doch nicht so überrascht. Es ist allein deine Schuld, dass Sirrah in Aonaran ist. Glaubst du, ich lasse das ungestraft?«
Wie bitte? Meine Schuld?
Zögerlich wage ich es, meine Augen zu öffnen. Alles dreht sich und meine Übelkeit wird schlimmer. Ungelenk versuche ich nochmal, mich aufzusetzen, schaffe es gerade so auf alle Viere. Ein paar Tränen tropfen von meiner Nasenspitze auf den schwankenden Boden.
Wie komme ich nur hier weg, ohne Vola?
Obwohl ich die Augen am liebsten wieder schließen würde, zwinge ich mich, aufzusehen. Serpentis steht einige Schritte entfernt neben dem grünen Neonlicht des Notausgangschildes. Wenn ich das Überraschungsmoment nutze und es bis zur großen Straße schaffe, könnte ich jemanden auf mich aufmerksam machen. Ich muss nur ein paar Meter sprinten, bevor Serp sich wieder zu mir umdreht. Die Mischung aus Schweiß und Tränen brennt unangenehm in meinen Augen. Ich ziehe am dreiviertel Ärmel meines Suits, um sie mir auszustreichen, da wird mein Kopf an den Haaren nach hinten gerissen. Ein gequälter Laut dringt aus meiner Kehle. Der erste Schlag trifft meine Wange, der Zweite verursacht ein knackendes Geräusch in meiner Nase.
»Aah.«
Bei Galaxia, er hat mich geschlagen.
»Du kannst froh sein, dass ich dich nicht bei den Xenis im Ghetto entsorge, du elende Rumtreiberin.«
Panisch schlage ich um mich. Will mich losreißen, endlich aufstehen, abhauen.
»Lass mich!«
Krächze ich verzweifelt. Serpentis lässt tatsächlich los, umschließt aber statt der Haare jetzt meinen Unterkiefer und presst meine Lippen brutal zusammen. Wild mit den Händen fuchtelnd versuche ich, ihn abzuwehren.
»Schön still halten.«
Serp verstärkt den Druck auf meine Wangen, bis mir meine eigenen Zähne ins Fleisch schneiden. Blut läuft meinen Rachen hinunter und hinterlässt einen ekelhaft metallischen Geschmack auf meiner Zunge. Panisch ziehe ich an seinen Fingern, um den Druck auf meinen Kiefer zu mindern.
»Ruhig, ganz ruhig. Brav sein.«
Flüstert er, während er mit der freien Hand eine schwarze Phiole aus der Brusttasche holt. Die Flüssigkeit schmeckt bitter und aktiviert sofort meinen Würgereiz. Langsam beugt Serpentis sich runter an mein Ohr.
»Das bleibt unter uns, kapiert?«
Zweimal schlägt er mir noch mit der flachen Hand ins Gesicht, bevor er aufsteht und ich ungebremst auf den Asphalt zurückknalle. Ein stechender Schmerz jagt erneut durch meinen Hinterkopf. Verschwommen sehe ich, wie Serpentis sich angewidert den blutverschmierten Handschuh am schwarzen Suit abwischt. Seine Dravenmaske materialisiert sich und er fliegt auf seinem Vola davon.
Unfähig, mich zu bewegen, liege ich geschockt, wie in einer Art Trance auf dem Rücken. Tränen tropfen in meine Ohren und beim Nase hochziehen jagt ein grausamer Schmerz bis in meine Stirn. Eigentlich sollte ich sofort ins Hospitum und mich durchchecken lassen. Nicht nur wegen der Nase, sondern auch wegen dieses Mittels, das Serpentis mir eingeflößt hat. Aber die Medis würden dort zuerst mein Blut testen, da kann ich mich auch gleich selbst vom IF Tower stürzen.
Was mache ich jetzt? Hier liegen und warten, bis mich das Gift von meinem Avatar trennt?
Mein ganzes System ist so durcheinander, dass mein Körper zittert, als ob mir kalt wäre, dabei quält uns Serene schon wochenlang mit ihrer Hitze. Vorsichtig fahre ich mit dem Zeigefinger über meinen Nasenrücken und bereue es sofort.
Ja, sie ist definitiv gebrochen.
Langsam versuche ich, den Kopf zu heben. Doch mein aufgeschlitzter Rücken brennt, als hätte mich jemand mit Säure begossen, und mein Sichtfeld dreht sich immer noch. Ich muss warten, bis sich mein System einigermaßen stabilisiert hat. Um den Prozess zu beschleunigen, verlangt mein Avatar, dass ich mich auf etwas fokussiere, also starre ich für eine Weile auf Alas und versuche, meine Atmung zu beruhigen. Schleichend langsam schiebt sich ein großer dunkler Fleck vor den majestätischen Gasriesen.
Die A3000.
Meine Augen füllen sich erneut mit Tränen.
Ach, Arryn.
Wenn mein Bruder noch hier wäre, dann -
Das schrille Kreischen der Sirenen lässt meinen Körper zusammenschrecken.
»An alle Bewohner von Clarity City. Der Tag ist hiermit beendet. Bitte begebt euch, zu eurer eigenen Sicherheit, umgehend in eure Unterkunft. Ich danke euch für eure Treue und euer Vertrauen.«
Bei Galaxia. Schon so spät?
Ich öffne meinen Holoscreen und mein Avatar zeigt mir meine Vitalfunktionen an. Ich bin schon wieder auf 50%.
Das ging aber schnell.
Langsam setze ich mich auf. Warte angespannt auf das Brennen, das vorhin noch bei der kleinsten Bewegung durch jeden einzelnen meiner Wirbel gezogen ist, aber es kommt nicht. Nur weil mein System wieder stabil ist, heißt das nicht, dass ich keine Schmerzen mehr spüre. Irritiert fasse ich mir an die kaputte Nase. Kein Schmerz. Aber wie - ?
Oh Mann, klar. Das war Nal.
Serpentis muss mir Nal eingeflößt haben, damit meine Wunden heilen und ich ihn nicht mehr anzeigen kann.
Das ist total illegal.
»Dieser hinterhältige Zellhaufen.«
Zische ich. Auch wenn Serpentis sich damit arglistig aus der Affäre gezogen hat, gerate ich so wenigstens nicht in Erklärungsnot vor meinen Eltern. Die Schürfwunden sind okay, aber wie sollte ich eine gebrochene Nase rechtfertigen? Der Krach von der Straße wird allmählich leiser. Nerezzas Aufruf hallt nun schon ein fünftes Mal durch die City. Die Ausgangssperre kommt mir gerade recht. Mit meinem zerrissenen Suit und dem ganzen Blut sollte ich auf dem Heimweg auf keinen Fall jemandem begegnen. Bevor die Draven auf Streife gehen, muss ich es aber bis in meinen Distrikt schaffen. Immer noch etwas skeptisch beuge ich meine Knie und stehe auf.
Es tut wirklich nicht mehr weh.
»Aelin?«
Bei Galaxia.
Mein Herz bleibt stehen.
»Alles in Ordnung?«
In Zeitlupe drehe ich meinen Kopf zur Seite. Seine turmalin-grünen Augen sind weit aufgerissen. Noch während der Landung springt er von seinem Vola und kommt ein paar Schritte auf mich zu.
Asterin.