Kapitel 2 Aeonian 3000 Virus

2

Asterin


Aelin

 

In Zeitlupe drehe ich meinen Kopf zur Seite. Seine turmalin-grünen Augen sind weit aufgerissen. Noch während der Landung springt er von seinem Vola und kommt ein paar Schritte auf mich zu.

Asterin.

Der erste Impuls meines Avatars ist es, ihm um den Hals zu fallen, erleichtert mein Gesicht an seine starke Brust zu drücken und ihn nie wieder loszulassen. Aber mein logischer Verstand schafft es, den Drang zurückzuhalten. Trotzdem ist meine Frequenz im Bruchteil einer Sekunde auf 85 Schläge pro Minute und das ganz sicher nicht, weil Ass mich nach der Ausgangssperre draußen erwischt hat.

Von allen Draven, warum ausgerechnet er?

Seine dunklen Augenbrauen ziehen sich irritiert zusammen.

»Aelin, was ist passiert?«

Sorge schwingt in seiner tiefen Stimme mit. Er macht nochmal einen Schritt auf mich zu. Unsicher weiche ich zurück, bis mein Hinterkopf an die Wand des IF Towers prallt.

Aua.

»Es ist nichts, alles ist in Ordnung.«

Ich grinse aufgesetzt und klopfe mir Staub vom Suit, obwohl da gar keiner ist.

»Schau mich mal an.«

Ass berührt mich am Kinn und zwingt mich, zu ihm aufzusehen. Sein warmer Atem streift über meine Stirn. Sein vertrauter holziger Duft hängt mir in der Nase.

Er ist viel zu nah.

Mein Avatar reagiert instant auf seine Nähe. Schüttet Oxytocin und Endorphine aus.

Hoffentlich scannt er mich jetzt nicht.

Ass' Stirn legt sich in Falten. Mit bloßen Fingern streift er über meine Haut zwischen Oberlippe und Nase. Hitze schießt mir in die Wangen und ich halte automatisch den Atem an.

»Du blutest.«

Asterins Iris wird dunkler und der irritierte Blick ängstlich. Sein schwarzer Handschuh dematerialisiert sich komplett und er lässt seine Hand in meinen Nacken gleiten.

Bei Galaxia.

 

»Lass das.«

Panisch will ich ihn wegschubsen, aber Asterins starker Körper bewegt sich keinen Millimeter. Er zieht seine Hand zurück und wirkt sichtlich erleichtert, dass er nur meinen Schweiß an seinen Fingern hat.

»Woher kommt das Blut an deiner Nase?«

Jetzt scannt er mich tatsächlich, das kann ich spüren. Die unsichtbaren Laser seines Dravenholos erhöhen die Temperatur auf meiner Haut und die Auflösung meines Screens verzerrt sich ganz leicht. Unsicher weiche ich seinem prüfenden Blick aus.

»Aelin?«

Die Fürsorge in seiner Stimme wird von meinem Avatar völlig fehlinterpretiert. Mein Herz schlägt aufgeregt, und ich sehe Bilder, wie Ass seine Arme um mich legt, mich an sich drückt und mich tröstet, während mein Level Sekunde für Sekunde steigt. Mein Avatar giert so sehr nach Asterins Nähe, dass er anfängt zu kribbeln.

Oh, Mann, Aelin. Reiß dich zusammen.

Mein Oxytocin liegt schon bei 71 pg und Ass kann es sehen. Das ist gar nicht gut.

»Ehm …«

Ich beiße mir auf die Unterlippe, weiß nicht, was ich sagen soll. Ich verstehe doch selbst nicht, warum Serpentis gerade so ausgerastet ist.

»Also …«

Meine Stimme bebt verräterisch. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Doch bevor ich weitersprechen kann, packt mich Ass an den Gelenken und dreht meine blutverschmierten Handflächen nach oben. Er öffnet seinen Mund, aber es kommt kein Ton heraus. Asterins schockierter Blick lässt mein Herz schwer werden.

»Was ist passiert?«

Prüfend legt er einen Daumen auf meinen Puls, so als ob er nicht glauben kann, was sein Holo ihm anzeigt.

Ach, Asterin.

Tränen sammeln sich in meinen Augen, aber ich blinzle sie hektisch weg. Ich kenne Ass mein ganzes Leben lang. Wenn ich ihm sage, was passiert ist – und vor allem von wem –, wird es eskalieren. Ass wird Serpentis anzeigen, ob ich das will oder nicht. Er wird sein Ansehen als Koordinator riskieren – für einen Prozess, den ich nicht gewinnen kann, weil das Nal jeden Beweis von meinem Körper radiert hat. Keine Belege, keine Verurteilung. Nur ein öffentlicher Scherbenhaufen, der Asterins Ruf und die Reputation meiner Eltern gleichermaßen zerstört.

Das will ich nicht.

Nach meiner Blamage bei der Prüfung sollte ich mich weiterhin so unauffällig wie möglich verhalten. Auch wenn Serpentis wirklich nicht einfach davonkommen sollte. Mit einem Ruck befreie ich mich aus Asterins Griff und bringe endlich den nötigen Abstand zwischen uns.

»Gut, du hast mich erwischt.«

Ich drehe mich von ihm weg und zeige mit ausgestrecktem Arm, gespielt selbstbewusst, auf die Schlucht hinterm Interface Tower. Da, wo das ganze Gestrüpp und die versteckten Lichtsensoren sind.

»Ich bin vom Vola gefallen. Hab mich ablenken lassen und das Gleichgewicht verloren. Es ist dort hinten irgendwo heruntergekracht.«

Für ein paar Sekunden bleibt es still.

Nimmt er mir das ab?

Doch plötzlich spüre ich wieder Asterins bloße Fingerspitzen. Wie sie vorsichtig über meine nackten Schulterblätter gleiten und die Ränder des aufgerissenen Suits entlangfahren.

Bei Galaxia.

Mein Oxy-Level schießt auf 80 pg.

»Wer war das?«

Asterins Ton ist streng. Ich schlucke schwer. Ich wünschte, er wäre ein paar Minuten früher hier gewesen, dann hätte ich einen Zeugen gehabt, dann hätte ich die Wahrheit vor Justitia sagen können. Oder vielleicht wäre mir sogar die ganze Tortur erspart geblieben.

»Ich hab doch gesagt, dass ich gefallen bin.«

»Hier ist überall Blut, aber deine Haut ist unversehrt.«

Asterins Finger streifen über meine Wirbelsäule und ich schließe instinktiv die Augen. Genieße seine zärtliche Berührung und die wunderbaren Bilder, die mein Avatar mir zeigt, bevor mir wieder einfällt, wie verdammt illegal das ist. Ich will Asterin wirklich nicht anlügen. Und zwar nicht nur, weil es gegen das Gesetz verstößt, sondern auch, weil es total sinnlos ist. Ass macht den Job nicht erst seit gestern. Er weiß genau, dass ich Nal zu mir genommen haben muss. Es wird andauernd im Ghetto von den Xenis benutzt. Wenn sie sich bei illegalen Kämpfen bis zur Bewusstlosigkeit prügeln, gönnen sie sich danach einfach einen Schluck Nal und alles ist scheinbar vergessen. Das ist wie ein Spiel für sie. Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, jemals zu vergessen, was Serpentis mir angetan hat. Daher muss ich auf volles Risiko spielen. Ich drehe mich zu Ass zurück und lege meine Unschuldsmiene auf.

»Da ich mein Vola mal wieder geschrottet habe, bist du doch sicher so nett und bringst mich nach Hause, ja?«

Er verschränkt die Arme vor der breiten Brust. Die dichten Wimpern drängen sich eng um seine halb zusammengekniffenen Augen. Die dunklen Haare hängen ihm matt in die Stirn und auch etwas über die Ohren, ins Gesicht.

Er sieht so schön aus, dass es weh tut.

In den achtzehn Jahren, die wir befreundet sind, habe ich ihn nie so gesehen, habe ihn nie so intensiv wahrgenommen wie in den letzten Monden. Mein Avatar hat -

»Seit wann lügen wir uns an, Aelin?«

Oh, Mann. Es tut mir so leid, Ass.

Aber ich bin gerade überhaupt nicht in der Lage, richtig zu denken. Das Einzige, das ich weiß, ist, dass ich Ass nicht mit reinziehen darf. Die Leute haben sich schon genug die Mäuler über ihn zerrissen. Ich schlucke meine Schuldgefühle herunter und tue weiterhin so, als ob nichts wäre.

»Okay, danke, ich kann auch zu Fuß gehen.«

Eingeschnappt stolziere ich an ihm vorbei, so gut es meine zitternden Knie zulassen. Asterin schnaubt genervt, packt mich am Arm und zieht mich zu sich zurück. Ich pralle an seine Brust. Mein Atem stockt.

»Bist du bereit?«

Ohne auf meine Antwort zuwarten, legt Ass einen Arm um meine Taille und zieht mich vorsichtig auf sein Luftbrett. Stumm nicke ich und starre nur geradeaus. Das Vola vibriert leicht und trägt uns Meter um Meter in die Höhe.

Nerezzas Ansage ist schon eine Weile verstummt. Die Luftstraßen sind verlassen, die ganze City wirkt wie ausgestorben. Kaum zu glauben, dass hier knapp 25 Millionen Humanoide leben. Asterin manövriert sein Vola kinderleicht durch die schmalen Schneisen der verglasten Hochhäuser. Er hält mich noch immer an der Taille und presst meinen blutverschmierten Rücken an sich. Meine Oxys und Endos steigen um die Wette und das Adrenalin treibt meinen Herzschlag in den Hunderterbereich. Ich ziehe an seinen Fingern, doch anstatt mich loszulassen, drückt Ass mich nur noch viel fester an seine Brust.

»Ich kann allein stehen.«

Beklage ich mich in einer Memo. Zum Sprechen bin ich viel zu aufgeregt. Asterins Lachen spüre ich an meinem Rücken. Mein Avatar ergänzt seine Stimme in meinem Kopf und die Sehnsucht nach ihm gräbt sich noch tiefer in mein Herz. So tief, dass ich Angst habe, sie wirklich nie wieder loszubekommen. Tränen steigen mir in die Augen, weil ich mich für die Gefühle meines Avatars hasse, aber mir gleichzeitig wünsche, mich in ihnen aufzulösen. Mich in Asterin aufzulösen.

Wie Elysian.

»Ach, echt? Das hat sich vorhin

aber ganz anders angehört.«

Obwohl mir die ganze Situation hochgradig unangenehm ist, steigt mein Level trotzdem mit jeder Sekunde weiter an, nur weil ich mit Asterin zusammen bin. Diese Abhängigkeit, das ist sowas von krank.

Krieg dich endlich ein, Aelin. Du musst gegen das verdammte Virus ankämpfen.

Verbissen versuche ich, mich auf mein Bewusstsein zu fokussieren und den Avatar auszublenden. Ich denke an Serpentis und was er mir angetan hat, an meine Sorgen wegen Sirrah, doch dem Wunsch, von Asterin berührt zu werden, kann ich nicht entkommen. Ganz im Gegenteil, jetzt sehne ich mich noch mehr nach seinem Trost, nach seiner Nähe. In meiner Brust brennt es, weil ich innerlich so sehr zerrissen bin.

Asterin steuert das Vola Richtung Dachterrasse. In der Unterkunft brennt kein Licht. Offensichtlich haben meine Eltern sich bereits in ihre Zimmer zurückgezogen.

Ein Glück.

»Danke.«

Murmle ich und springe vom Brett.

»Aelin, warte mal.«

Ass hält mich an der Schulter auf und dreht mich zu sich um. Wenn ich ihm jetzt in die leuchtend grünen Augen blicke, wenn ich sehe, wie sich seine perfekt geschwungenen Lippen beim Sprechen bewegen, dann wird mein Oxytocin-Level in den illegalen Bereich schießen. Das muss ich um jeden Preis verhindern. Anstatt zu ihm aufzusehen, verfolge ich Asterins Finger, die langsam von meiner Schulter über meinen Arm runter in meine Hand gleiten.

Okay, das macht es auch nicht leichter.

»Woher ist das viele Blut?«

Seine Stimme bebt. Ich weiß, dass ich ihm eine Antwort schulde, eine echte, aber nicht jetzt, nicht heute, sondern dann, wenn ich selbst verstanden habe was überhaupt passiert ist und mich der riesige Kloß in meinem Hals nicht mehr am Sprechen hindert.

»Vom Gestrüpp, hab ich doch gesagt.«

Meine Memo bringt Asterin erneut zum Kopfschütteln.

»Wo sind dann deine Wunden?«

Ach Ass. Mach es mir doch bitte nicht schwerer, als es eh schon ist.

Langsam ziehe ich meine Hand aus seiner. Mein Avatar protestiert. Er will Asterins Hand halten, will seine Wärme auf meiner Haut und seine Lippen –

Bei Galaxia!

Ich lege einen Finger an meinen Mund, um Ass zu zeigen, dass er bitte still sein soll. Meine Eltern dürfen mich so kaputt auf gar keinen Fall sehen. Asterin verdreht die Augen.

»Aelin, weißt du eigentlich, wie

mitgenommen du aussiehst? Was ist da

draußen wirklich passiert?«

An seinem verzweifelten Blick erkenne ich, dass er gerade alles gibt, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Wenn ich ihm jetzt sage, dass Serpentis mich so zugerichtet hat, wird er zu ihm fliegen und sich mit ihm anlegen. So wie damals, als wir noch Knirpse waren, aber jetzt sind wir erwachsen und die Situation wird mehr als nur einen Eintrag ins Klassenbuch nach sich ziehen. Ass wird dann hundertpro von seinen Vorgesetzten vom Dienst suspendiert. 

»Es geht mir gut.«

Wieder schüttelt er den Kopf.

»So siehst du aber nicht aus.«

Unsicher, wie ich reagieren soll, zucke ich nur die Schultern. Asterin fährt sich durch die schwarzen Haare.

»Hör mal, ich habe Arryn versprochen, dass ich weiter auf dich aufpasse. Das kann ich aber nicht, wenn du mich anlügst.«

Wie?

Schlagartig schrumpft mein Herz zu einem winzigen Ball zusammen.

Deshalb haben wir noch Kontakt, weil Arryn ihn darum gebeten hat?

Von einer Sekunde auf die andere stürzt mein Level rapide ab. 86, 74, 51. Mir wird schwindelig. Reflexartig lege ich eine Hand an meine Brust, um dem pulsierenden Schmerz entgegenzuwirken. Ich bin die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Ass sich regelmäßig bei mir meldet, weil ihm etwas an mir liegt, dabei will er Arryn nur einen Gefallen tun. Mein Herz brennt so sehr als hätte mir jemand Säure darüber gekippt. Ungläubig will mein Avatar mich vom Gegenteil überzeugen. Er zeigt mir zig Erinnerungen von Asterins Lächeln und wie seine Augen leuchten, jedes Mal, wenn wir uns begegnen. Erst jetzt wird mir klar, dass das gar nicht so schicksalhaft war, wie ich bisher geglaubt hatte. Obwohl sich wieder Tränen in meinen Augen sammeln, versuche ich Asterins Blick dieses Mal nicht auszuweichen. Mein Oxy ist unten, meine Edos auch. Das Einzige, das gerade noch spiked, sind Adrenalin und Cortisol, und das fühlt sich schrecklich an, aber dafür kann ich wenigstens nicht verhaftet werden.

Dummer Avatar.

Natürlich sehnt sich Ass nicht den ganzen Tag nach mir, so wie ich mich nach ihm sehne, und das ist auch richtig so. Ich bin schließlich die Abnormale, deren Avatar vom Virus befallen ist. Trotzdem lindert diese Erkenntnis den physischen Schmerz leider gar nicht.

»Das musst du doch nicht, ich kann schon auf mich selbst aufpassen.«

Mein aufgesetztes Grinsen fühlt sich grauenvoll an.

»Nein, Aelin. Ich -«

Wieder lege ich den Finger an die Lippen. Auch wenn Asterin es nicht böse meint, aber ich glaube, mein Avatar hat für heute genug Schmerzen ertragen müssen. Ass schüttelt den Kopf, flucht leise. Ich nutze den Moment und drehe mich um. In meinem Ohr ertönt ein leiser Ping, doch ich scanne meinen Holo an der Schiebetür und betrete auf Zehenspitzen die Unterkunft, ohne seine Memo zu lesen.

Der Bewegungssensor aktiviert das bläuliche Nachtlicht überall dort, wo ich registriert werde. Im Halbdunkeln tapse ich eilig in mein Zimmer. Wie erschlagen lasse ich mich aufs Bett fallen und vergrabe mein Gesicht im weichen Kopfkissen. In letzter Zeit habe ich oft geweint, aber wegen Asterin und des Virus, nicht weil ich misshandelt wurde. Doch so schlimm wie heute bin ich wirklich noch nie zusammengebrochen. Meine Schultern beben, meine Gefühle überwältigen jeden logischen Gedanken. Am liebsten würde ich laut schreien, aber ich darf nicht, also ersticke ich alles in der Decke. Der Kummer entlädt sich über kleine Elektroschocks, die meine Muskeln immer wieder schmerzhaft verkrampfen lassen. Bei Galaxia, ich wünschte, ich hätte es ihm gesagt. Ich wünschte, ich hätte mich von ihm trösten lassen können.

Ach, Asterin.

Es dauert eine Weile, bis die Krämpfe nachlassen. Erschöpft rolle ich mich auf den Rücken, ziehe leise die Nase hoch und starre, überfordert mit mir und meinen Gefühlen, an die weiße Decke. Meine Augen fühlen sich klein und geschwollen an. Ich will die Tränen abwischen, aber an meinen Händen klebt noch immer Blut. Zittrig ziehe ich am Reißverschluss meines Suits. Er liegt eng an meinem Körper, sodass ich mich langsam herausschälen muss. Zaghaft schleife ich mich zum Reflektor. Ich starre auf meinen nackten Körper und inspiziere gründlich alle Stellen, die eben noch so wehgetan haben: Mein Rücken, meine Knie und die gebrochene Nase. Von außen sind tatsächlich keine Wunden mehr zu erkennen. Bis auf etwas getrocknetes Blut an meinen Schulterblättern und der Wirbelsäule lässt nichts mehr auf schlimme Verletzungen schließen. Da sind einfach nur Muskeln, umgeben von einer dünnen Fettschicht, geschützt durch eine makellos langweilige weiße Haut.

Alles normal.

Nur mein Gesicht, da hatte Ass recht, das sieht nicht aus wie immer. Kleine getrocknete Blutspritzer kleben an meinen Wangen, der Nase und an meinem Hals. Die Haut um meine Augen pulsiert. Meine Lippen sind aufgebissen und brennen wie Feuer. Das kommt davon, wenn man seinen Schmerz nicht herausschreien kann.

Wieso hat er das getan? Wieso hat Serpentis mich geschlagen?

Mein Avatar zeigt mir Erinnerungen unserer Kindheit. Natürlich haben wir uns gegenseitig gehänselt und geärgert, aber mein Avatar findet keine Situation, in der es so weit ging, dass ein Knirps ernsthaft verletzt wurde. Überhaupt kann er sich nicht erinnern, jemals geschlagen worden zu sein. Wimmernd sinke ich in die Hocke. Umschließe meinen Körper und streiche über die Stellen, die Serp am Tower absichtlich aufgerissen hat.

Sind sie wirklich geheilt? Einfach so?

Ich erinnere mich noch genau, wie weh es getan hat als er mir die Nase gebrochen hat, aber wenn ich mich berühre, werden keine Schmerzimpulse weitergeleitet.

Wie ist das nur möglich?

Das macht mich verrückt. Ich habe das Gefühl, ich kann meinem Verstand nicht mehr vertrauen. Verzweifelt ziehe ich den Rotz hoch, fahre mir durch die fettigen Haare.

Ich muss mich waschen!

Kraftlos taumle ich in mein Reinigungszimmer und schalte die Brause an. Das heiße Wasser prasselt unnachgiebig von oben auf mich herab. Mit einem Schwamm schrubbe ich über jede Stelle meines Körpers. Vor allem über mein Gesicht, auf das Serpentis brutal eingedroschen hat. Doch es klappt nicht. Dieses schreckliche Gefühl der Hilflosigkeit lässt sich nicht abwaschen. Erst als meine Haut überall rosa leuchtet, höre ich auf zu schrubben. Tropfnass taumle ich zurück in mein Bett, ziehe mir die Decke über den Kopf und versuche auszuruhen. Doch jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich Serpentis schreckliche Fratze vor mir. Mein Avatar kann einfach nicht aufhören, mir immer wieder diese furchtbaren Bilder zu zeigen. Mein Atem geht schwer. Mein Puls verlangsamt sich. Mein Körper wird wieder unfassbar heiß.

Kapitel 3