Supernal
Asterin
Sie hat mich wirklich angelogen. Aelins Vola lehnt, unbeschädigt von außen, an die Scheibe der Terrassentür.
»Aelin -«
»Gute Nacht.«
Sie unterbricht mich und dreht mir ihren blutverkrusteten Rücken zu.
Bei Orion.
Mir dreht sich der Magen um, und meine Kiefermuskeln zucken angespannt. Aber die Wut schlucke ich herunter. Aelin ist wichtiger, und dass es ihr gut geht, hat absolute Priorität. Ich muss zuerst für sie da sein, bevor ich denjenigen zur Rechenschaft ziehe, der ihr das angetan hat.
Ganz egal, wer oder was es ist.
Vorsichtig hindere ich sie am Gehen. Ich nehme ihre zierliche Hand in meine, um ihr zu zeigen, dass sie mir vertrauen kann. Auf dem Vola hat meine Nähe ihr Level zwar steigen lassen, trotzdem schaut sie mich mit ihren blauen Puppenaugen so an, als hätte sie Angst vor mir. Level 75%. Herzfrequenz 85 Schläge pro Minute. Blutspritzer besudeln ihr unschuldiges Gesicht. Die Hände sind eiskalt. Wenn ich sie so sehe, bin ich selbst gleich auf 85.
»Woher kommt das ganze Blut?«
Meine Stimme verrät, wie aufgebracht ich wirklich bin. Aelin öffnet ein wenig die Lippen, schickt mir dann aber doch eine Memo.
»Vom Gestrüpp, hab ich doch gesagt.«
Warum belügt sie mich?
»Wo sind dann deine Wunden?«
Den Effekt von Nal erkenne ich auf den ersten Blick. Mir kann sie nichts vormachen. Es ist viel zu teuer, in der City zu selten und vor allem zu illegal, um es zufällig dabei zu haben, damit man kleine Kratzer von einem Vola-Absturz behandeln kann. Jemand hat Aelin verletzt, und zwar so brutal, dass sie sich mit dem Nal heilen musste.
Wer hat ihr das angetan?
Beim Gedanken, dass jemand seine dreckigen Finger an ihr hatte, wird mir speiübel. Ich kenne jeden illegalen Händler in Clarity, es wird nicht lange dauern, bis ich den Verantwortlichen finde und ihn für immer in die Verwahrung sperren kann. Ob die Xenis sich mit dem Zeug den Avatar zerschießen, ist mir völlig egal, aber wenn sie meine Aelin in diesen Mist verwickeln, hört der Spaß auf. Langsam zieht sie ihre Hand aus meiner und legt den Finger an die Lippen. Ihre Eltern sind in einer Besprechung, sie braucht sich nicht zu sorgen, aber ihr Fokus ist so zerstreut, dass sie es wahrscheinlich gar nicht hören kann.
»Aelin, weißt du eigentlich wie
du aussiehst? Was ist da
draußen wirklich passiert?«
Sie zögert.
»Es geht mir gut.«
Das glaube ich niemals.
»So siehst du aber nicht aus.«
Angespannt zuckt sie nur die Schultern. War es vielleicht gar nicht das erste Mal, dass sie in einer solchen Situation war und Nal genommen hat? Wenn nicht, dann muss ich erst recht herausfinden, was hier gespielt wird. Natürlich weiß ich, dass sie öfter mal in der Xenization unterwegs ist, aber dass Aelin an deren illegalen Schlägereien teilnimmt, kann ich nicht glauben. Es muss etwas anderes passiert sein. Irgendwie muss ich sie dazu bringen, sich mir anzuvertrauen.
»Hör mal, ich habe Arryn versprochen, dass ich auf dich aufpasse. Das kann ich aber nicht, wenn du mich anlügst.«
Aelins Herz setzt einmal aus und sie greift sich abrupt an die Brust.
Hat sie noch Schmerzen? Verträgt ihr Körper das Nal nicht? Warum zeigt mein Holo nichts an?
Ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Verdammt.
Ich sollte sie nicht unter Druck setzen. Aber ich darf nicht zulassen, dass sie noch einmal so verletzt wird. Sie zwingt sich ein Lächeln auf die zitternden Lippen.
»Das musst du nicht, ich kann schon auf mich selbst aufpassen.«
Flüstert sie verletzt.
»Nein, Aelin. Ich -«
Wieder legt sie den Finger an ihren Mund.
»Bei Orions Gürtel!«
»Versteh mich bitte nicht falsch.
Ich mache mir Sorgen um dich.«
Ohne meine Memo zu lesen, verschwindet sie in ihrer Unterkunft.

»Koordinator, die Situation
an der Mauer spitzt sich zu.«
Mein Dravenholo ertrinkt in Memos von meinem Team.
»Sie schleudern Brandflaschen in unsere Reihen.«
Das Nachtlicht in Aelins Zimmer geht an. Nervös beobachte ich, wie das Panorama sich langsam verdunkelt.
Antwortet sie mir noch?
»Aelin? Melde dich, bitte.«
Ich will nicht, dass sie sich meinetwegen schlecht fühlt. Was habe ich mir nur dabei gedacht, Arryn mit reinzuziehen? Ich weiß doch, wie sehr sie ihn vermisst.
Ich Idiot.
»Wie löscht man das?«
Länger kann ich mein Team nicht warten lassen.
»Kohlendioxid.«
Zögerlich betrete ich mein Luftbrett und materialisiere meine schwarze Maske. Für einen Moment schwebe ich noch vor ihrem Panorama, doch Aelin reagiert nicht.
Verdammt.
Den Flug zurück in den Westen der City lege ich in Rekordzeit zurück. Hinter der meterhohen schallisolierten Citymauer liefern sich die Xenis einen heftigen Schlagabtausch mit meinen Jägern. Von oben verschaffe ich mir erst einmal einen Überblick über das Brachland, das zwischen Claritys Ghetto und der City liegt. Ein zirka 12 Meter breiter Brandstreifen zieht sich fast bis hinunter in die Schlucht vor dem Interface Tower. Das Gestrüpp ist vertrocknet und fängt schnell Feuer, aber meine Jäger scheinen die Situation weitestgehend im Griff zu haben. Routiniert ziehen sie die Aufständischen aus der Kampfzone, verhaften sie, begeben sich wieder in sichere Formation und preschen weiter vor. Vorsichtig lasse ich mein Vola in der Nähe der Einsatzzentrale landen. Die Luft um mich flimmert, aber vor der Hitze habe ich keine Angst. Sie kondensiert an meinem Suit und wird über die schwarzen Stiefel ausgeleitet. Genauso schützt mich der feine Filter meiner Maske vor den giftigen Dämpfen der Brandbeschleuniger, trotzdem schlägt mein Herz richtig schnell.
Ich habe ein ungutes Gefühl.
Mein Holo scannt jeden Millimeter im Umkreis von 200 Metern. Auch wenn wir ihnen bisher immer überlegen waren, muss ich mit allem rechnen. Die Flutlichter, die das Gestrüpp erhellen, ermöglichen es mir auch mit bloßem Auge, die Umgebung abzuchecken. Alles wirkt sicher.
Boom.
Der Schlag bringt, trotz Maske, mein Trommelfell zum Vibrieren. Ein riesiger Feuerball schlägt aus Zone zwei Meter hoch in den dunklen Nachthimmel.
Verdammt.
Schützend überkreuze ich die Arme vor meinem Gesicht. Die Sehnen in meinen Beinen sind zum Zerreißen gespannt, doch ich kann der Druckwelle standhalten. Mein Blick geht in den Himmel. Die toxische Rauchschwade breitet sich in alle Richtungen aus und sinkt schwer in unserem Rückzugsbereich zu Boden.
»Zone zwei gesichert.«
Gesichert?
»Zone zwei, ich bitte
um einen Lagebericht.«
Das war eine ziemlich heftige Explosion. Das kann unmöglich nur eine Brandflasche gewesen sein. Die Gerüchte, dass sich die Xenis mit den Exen verbündet haben, darf ich nicht ignorieren. Mit deren Fähigkeiten könnten wir schneller unter Druck geraten, als uns lieb ist. Spätestens dann werde ich mit Aelin das Weite suchen, da gibt es gar keine Diskussion.
»Wir haben die Aufständischen
eingekesselt.
Die Situation ist außer Gefahr.«
»Exen?«
»Koordinator?«
»War eine Exe dabei?«
»Nein. Drei Männer, eine Frau. Wir bringen sie jetzt weg.«
Wirklich?
Meine Muskeln bleiben zum Zerreißen gespannt. Die Einsatzzentrale steht etwas abseits des Tumults. Schnellen Schrittes bewege ich mich auf das Zelt zu. Nach der Aktion mit den Brandflaschen sollten die Jäger unser Arsenal aufgestockt haben. Ich brauche bessere Ausrüstung, um meine Leute zu unterstützen.
»Zone drei, gesichert.«
»Zone eins, Zone sechs, gesichert.«
»Block fünf, geklärt.«
Oder auch nicht.
Dass wir die Situation im Griff haben, beruhigt mich etwas, aber den schlimmsten Part habe ich noch vor mir. Die Vernehmungen.
»Koordinator.«
Einer meiner Leute stellt sich mir in den Weg.
»Wir haben uns an den Plan gehalten, waren gut vorbereitet. Das Feuer hat leider seine Zeit in Anspruch genommen. Zwei Männer sind im Hospitum. Der Rest kümmert sich um die Aufständischen.«
Im Hospitum?
»Wieso? Wollten sie nicht trinken?«
Ein mit Ladungsgewehren ausgestatteter Trupp unterbricht unsere Unterhaltung. Die Draven eskortieren im Gleichschritt eine kleinere Gruppe Xenis zum Sammelpunkt der Gefangenen an uns vorbei. Sieben Männer, zwei Frauen. Die meisten jünger als ich. Ihre Gesichter sind dreckig, blutverschmiert, verbrannt.
Was für ein Scheiß.
Zügig setze ich den Weg fort.
»Nein, Koordinator. Aber ihre Verbrennungen sind zu stark, die Heilung dauert zu lang.«
Verdammt. Das wird Canis Lupi gar nicht gefallen.
Zähneknirschend reiße ich den Vorhang zur Einsatzzentrale auf.
»Ist das genug Wasser?«
Schreit Serpentis hysterisch. Brutal reißt er den Kopf eines Xenis aus einem Kübel Naphta, nur um ihn danach wieder darin zu versenken.
Was ist hier los?
Serp packt den Jungen an den Schultern und schleudert ihn auf den Tisch. Seine Frequenz ist auf 100. Die Muskeln zittern angespannt. Adrenalin ist so hoch in Serpentis Blut konzentriert, dass es beinahe pur durch seine Bahnen strömt. Seine Aufmerksamkeit liegt bei 113%. Grob packt er den Burschen am zerfetzten Kragen und zieht ihn näher zu sich. Das blasse Gesicht des Jungen ist total zerschlagen, die Nase steht krumm ab. Er keucht und würgt und hustet den Brandbeschleuniger aus seinen Lungen. Sein Level ist bei 27%. Ein Klicken lenkt meinen Blick zurück zu Serpentis. Er hat einen Anzünder in der Hand, führt ihn langsam vor die verquollenen Augen des Xeni. Mein Herz bleibt stehen.
Das kann unmöglich sein Ernst sein!
»Bei Orions Gürtel! Du lässt sofort den Jungen los!«
Das Klicken ertönt noch einmal, und Serp steckt den Anzünder zurück in seinen Suit. Mit einem dumpfen Schlag knallt der Kopf des Aufständischen auf den Tisch. Wutentbrannt stürme ich auf Serpentis zu, packe ihn im Genick und schleudere ihn gegen das Waffenregal. Die schwarzen Himmelskanonen sowie einige kurze Ladungsgewehre lösen sich aus ihrer Verankerung und krachen auf den staubigen Boden. Fassungslos starre ich Serp an.
»Du warst nicht da, und wir brauchten Informationen.«
Gleichgültig rappelt er sich auf, lässt den Nacken und die blutigen Fingerknöchel knacken.
»Das ist noch fast ein Kind!«
Serpentis lacht höhnisch.
»So wie der mich beleidigt hat, glaube ich eher nicht.«
Vorsichtig richte ich den Jungen auf. Ein Schwall Blut verteilt sich langsam aus der Platzwunde am Hinterkopf über den Tisch. Sein Level ist auf 15% gesunken. Vorsichtig streiche ich ihm das rote Haar aus dem Gesicht, während mein Holo die anderen Vitalfunktionen checkt.
Scheiße.
Seine Frequenz liegt nur noch bei 45 Schlägen.
Er wird gleich ohnmächtig.
Blind taste ich meine Brusttasche ab.
Oh, nein. Ich habe, nach dem Schock über Aelin, vergessen, mein Supernal in der Zentrale abzuholen.
»Gib mir dein Supernal.«
Serp hat den Jungen so zugerichtet, also muss er auch dafür geradestehen. In der Hoffnung, ihn bei Bewusstsein zu halten, schlage ich ihm ein paar Mal leicht ins Gesicht. Er stöhnt. Ein Gemisch aus Naphta und Blut fließt zwischen den ausgeschlagenen Zähnen über sein Kinn und tropft zäh in den blutigen Schoß.
»Serpentis!«
Meine Geduld ist für heute komplett am Ende.
»Ich hab keins mehr.«
»Was?«
Irritiert drehe ich mich zu ihm um. Serp zuckt die Schultern.
»Hab's schon für mich gebraucht.«
Soll das ein Scherz sein? Das wäre das erste Mal.
Serpentis Vitalfunktionen sind am Maximum, ich kann nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass er lügt, aber mein Gefühl sagt mir, dass etwas nicht stimmt.
»Worauf wartest du, bring den Koffer.«
Keine Ahnung, wie ich das vor Canis Lupi rechtfertigen soll, aber irgendetwas wird mir schon einfallen. Serpentis schüttelt genervt den Kopf und schleicht seelenruhig an die andere Seite des Zeltes. Das Level des Xeni ist nur noch auf 11%. Das ist seine letzte Chance. Drunter wirkt selbst Supernal nicht mehr. Widerwillig reicht Serp mir eine der schwarzen Phiolen. Vorsichtig lege ich den Jungen zurück auf den Tisch und träufle ihm den kompletten Inhalt in den Mund. Sein Körper beginnt heftig zu zucken und zu krampfen. Die blutunterlaufenen Augen rollen immer wieder nach hinten. Panisch packt er sich ans Herz, treibt sich die dreckigen Fingernägel durch das zerschlissene Hemd in die Haut.
Warum schluckt er denn das Supernal nicht?
Er hustet und stöhnt so grauenvoll, dass sich mir die Haare im Nacken aufstellen. Ich kann nichts mehr tun, außer zusehen, wie sein Level Stück für Stück sinkt. Nach ein paar Sekunden ist es vorbei. Leblos rutschen seine Hände von seinem Avatar und fallen auf den Tisch. Er hat sich getrennt. Meine Fäuste zittern. Am liebsten würde ich jetzt auf Serpentis eindreschen, bis sein Blut meinen schwarzen Suit besudelt und die rote Flüssigkeit aus meinen Stiefeln tritt.
»Koordinator.«
Ein Jäger betritt das Zelt, aber ich kann mich nicht umdrehen. Mein hasserfüllter Blick ist stur auf Serpentis gerichtet. Sein selbstgefälliges Grinsen schlage ich ihm irgendwann noch aus dem Gesicht.
Das wird auf jeden Fall ein Nachspiel haben.
»Alle Aufständischen sind zusammengetrieben. Die Zonen gesichert. Ihr könnt mit der Befragung beginnen.«
Widerwillig kriege ich meinen Avatar dazu, sich von Serp loszureißen. Trotzdem schlägt mir das Herz weiterhin bis zum Hals, als ich mich auf den Weg zur Sammelstation mache.
Die Xenis hocken eng zusammengepfercht in einem Käfig. Der riesige Zwinger steht schon auf der Bewegungsbrücke, damit die sogenannten Störenfriede schnellstmöglich nach Aonaran abtransportiert werden können. Mein Holo deaktiviert die Ladungsgitter an der Tür, und ich zerre blind einen von ihnen an den Haaren heraus.
»Erbarmen, Erbarmen.«
Schreit sie und zappelt wild mit den Füßen, während ich sie ein paar Meter über den Boden schleife.
Verdammt. Eine Frau.