Virgonis
Asterin
»Erbarmen, Erbarmen!«
Sie schreit und tritt wild um sich, während ich sie ein paar Meter über den Boden schleife.
Verdammt. Eine Frau.
Abrupt lasse ich los. Meine Jäger umzingeln uns sofort und zielen mit ihren Ladungsgewehren auf die am Boden kauernde Xeni.
Auch das noch.
Meine Atmung ist schwer und meine Brust zieht sich ekelhaft zusammen. Ich fühle mich, als wäre ich Kilometer gerannt, dabei ist die Sammelstation keine 300 Schritte von der Einsatzzentrale entfernt. Kleine Elektroschocks zucken immer wieder durch meine Nerven. Gestresst gehe ich vor der Xeni auf und ab. Hoffentlich ist sie kooperativ.
Ich will ihr nichts tun.
»Was habt ihr euch nur dabei gedacht?«
Ihre panischen Schreie hallen wider, während sie sich verzweifelt die Ohren zuhält. Ihr ganzer Körper zittert.
»Antworte mir!«
ermahne ich sie, meine Stimme durch die Dravenmaske verzerrt bis zur Unkenntlichkeit, vibriert auf der Frequenz der Angst und löst manchmal sogar regelrechte Hysterie aus. Zittrig streicht sich die Xeni durch ihre lange blonde Mähne. Ihre Haut ist zerschnitten, ihre grauen Augen weit aufgerissen.
Sie ist jünger, als ich erwartet habe.
Laut zieht sie die Nase hoch und versucht, sich zu beruhigen. Tränenüberströmt beginnt sie zu sprechen, doch es kommen nur unverständliche Bruchstücke über ihre Lippen.
»Sprich deutlich«, ermahne ich sie.
»Ich … ich … wir brauchen …«
So wird das nichts.
Vorsichtig packe ich die junge Frau am Arm und ziehe sie zu mir nach oben. Brandlöcher zerfressen ihre Hose und auch die blaue Bluse ist an den Ärmeln ausgerissen. Sie war wohl intensiv am Aufstand beteiligt. Hinter uns im Käfig schreien und toben die Xenis, aber ich denke gar nicht daran, einen anderen zu verhören. So ängstlich wie sie ist, kommt sie gar nicht auf die Idee mich anzulügen. Gefolgt von den Ladungstruppen bringe ich sie in die Einsatzzentrale.
Serpentis ist weg, genauso wie die Leiche des Jungen. Einer meiner Draven hat seinen Avatar wahrscheinlich schon im Gruppentransport verstaut. So, wie das eben üblich ist, wenn sich einer trennt.
Besser so.
Der Anblick könnte verstörend auf die Xeni wirken. Zu viel Angst ist kontraproduktiv. Da der Tisch mit Blut besudelt ist, weise ich sie in die Umkleide der Jäger, wo sie sich auf eine Bank setzen kann. Unsicher wippt sie mit einem Fuß auf und ab, zerkaut sich die Fingernägel, bis sie blutig aufgerissen sind. Ich ziehe mir einen Stuhl heran und setze mich ihr gegenüber. Ihr Blick geht hektisch zwischen mir und den Ladungsgewehren der Draven hin und her. Eingeschüchtert streift sie sich die Haare hinters Ohr. Erst jetzt bemerke ich, dass ihr Unterarm feuerrot leuchtet und sich schon viele Bläschen auf dem verbrannten Fleisch gebildet haben.
»Brauchst du Nal?«
Sie reißt überrascht die grauen Augen auf. Auch wenn sie selbst schuld ist, kann ich sie hier nicht so sitzen lassen.
Ich weiß, wie sich Brandverletzungen anfühlen.
Schüchtern nickt sie. Mein Blick geht zu einem meiner Männer. Er nimmt sein Ladungsgewehr ab und bringt der jungen Frau eine Phiole. Trotz des bitteren Geschmacks verzieht sie beim Schlucken keine Miene. Wahrscheinlich hat sie es schon öfter zu sich genommen, womöglich ist sie sogar abhängig, so wie ihre Lider flattern.
»Wie heißt du?«
»Lira … Virgonis.«
Ihre Stimme zittert.
Virgonis?
Das ist der Clan, der dem Tempel der Galaxia dient. Das sind friedfertige, überaus intelligente Humanoide, die ihr Leben dem spirituellen Glauben verschrieben haben.
Was macht so eine denn in der Xenization?
»Also, Lira Virgonis. Warum habt ihr den Westen der City angegriffen?«
Lira hält sich den Bauch, gibt röchelnde Geräusche von sich.
»Los, einen Eimer.«
Verdammt.
Egal, wie sehr ich mich bemühe, ruhig zu sprechen, meine Dravenstimme bleibt furchteinflößend. Lira erbricht sich vor Angst, heult und keucht für einige Minuten. Hoffentlich hat sie schon genug Supernal in ihr System aufgenommen. In der Verwahrung werden sie ihr sicher keines mehr geben.
Ich hasse diese Verhöre.
Als nur noch durchsichtige Flüssigkeit aus ihr herauskommt, zieht sie laut die Nase hoch, starrt geschockt auf ihre blutigen Finger.
»Sprich.«
Tränen sammeln sich wieder in ihren Augen, aber sie nickt.
»Bei Galaxia …«
Ein dramatisches Schluchzen dringt aus ihrer Kehle.
»Wir brauchen doch Wasser. Wie sollen wir leben ohne Wasser?«
Verzweifelt bricht sie wieder in Tränen aus.
Wasser?
Im Norden reguliert ein monströser Staudamm die Wasserrationen, die aus der Quelle, oben auf Aonaran hinunter ins Tal stürzen. Der Fluss, der am Rand der Xenization verläuft, führt eigentlich genug, um sie am Leben zu halten.
»Was ist mit eurem Wasser?«
Wieder fummelt sie nervös an sich herum.
»Du weißt es doch.«
Ihre Stimme bebt.
»Was weiß ich?«
Lira schnieft, streicht sich mit dem Ärmel die Augen aus.
»Sie nimmt es uns weg. Wir haben fast nichts mehr.«
Nerezza hat den Xenis die Wasserrationen gekürzt?
Meine Hände ballen sich zu Fäusten.
Diese größenwahnsinnige Genverschwendung.
Reicht es ihr nicht, die Bewohner von Clarity bis zum Umfallen schuften zu lassen? Sollen jetzt auch noch Tausende Xenis verdursten?
Das ist barbarisch.
Seit sie im Amt ist, hat sich unsere Lebensqualität drastisch verschlechtert. Sie will immer mehr. Immer mehr Macht, immer mehr Kontrolle. So wird sie noch die ganze City zugrunde richten.
»Ihr werdet uns jetzt in den Berg bringen, stimmt’s?«
Lira kriegt ihre Tränen gar nicht mehr unter Kontrolle. Sie laufen in Strömen über ihre sandfarbene Haut. Mein Avatar zeigt mir Bilder von den Wächterinnen des Tempels. Die Virgonis sind zauberhafte Gestalten. Groß, grazil, sanftmütig. Ihre Kleidung besteht aus blauer Seide und goldenen Applikationen. Sie haben heilige Geometrie in ihre Haut geritzt und sich ganz dem Studium der Welten verschrieben. Eine ehrenvolle Aufgabe. Meine Augen nehmen Lira etwas genauer unter die Lupe, aber weder an ihren Beinen noch an den Armen erkenne ich Anzeichen für heilige Geometrie.
Lügt sie, was ihre Identität betrifft?
»Lasst uns allein.«
Ihr Herz setzt einmal aus. Liras Körper versteift sich und sie krallt ihre Fingernägel in den Oberarm. Natürlich hat sie Angst, jetzt gefoltert zu werden, aber genau das versuche ich ihr zu ersparen. Meine Jäger salutieren und verlassen uns. Mit Hilfe meines Holos checke ich, ob wir auch wirklich allein sind. Die Draven haben das Zelt im Abstand von zirka fünf Metern umstellt.
Gut.
Es ist besser, wenn niemand mitbekommt, was ich jetzt sagen werde. Ich dematerialisiere meine Maske, damit Lira nicht gleich wieder zu kotzen beginnt.

»Ja, ihr werdet jetzt nach Aonaran gebracht.«
Scharf zieht sie die Luft ein. Ihre Augen weiten sich und der Unterkiefer klappt geschockt herunter.
»Du hast … deine Maske aufgelöst.«
Stottert sie, zeigt mit ihrem dünnen Finger auf mein Gesicht.
»Ja, oder willst du dich nochmal übergeben?«
Ihre grauen Augen starren mich verständnislos an.
»Ich weiß, was sie in der Xenization über die Jäger sagen, aber wir sind nicht alle schrecklich.«
In Zeitlupe schließt sie ihren Mund wieder. Ihre Frequenz sinkt etwas, doch die Muskulatur bleibt weiter angespannt.
»Weißt du, was sie in der Verwahrung mit dir anstellen?«
Ängstlich beißt sie sich auf die Unterlippe und nickt.
»Sie foltern mich, um Informationen zu erhalten, die ich nicht habe. Und dann werden sie mich für immer wegsperren, weil ich eine Gefahr für die City bin.«
Ich nicke nur.
»Nein, nein. Das dürfen sie nicht. Das dürfen sie nicht. Bei Galaxia.«
Lira vergräbt ihr zierliches Gesicht in den Händen und schluchzt so verzweifelt, dass sich mein Herz zusammenzieht.
»Du wirst ihnen sagen, dass du vom Tempel geschickt wurdest, um zu schlichten.«
Ihr Heulen verstummt und sie schaut mich verblüfft an.
»Du bist doch eine Virgonis. In Clarity ist es per Gesetz verboten, eine Dienerin des Tempels in Aonaran festzuhalten. Sie müssen dich zurückbringen.«
Lira zieht die Nase hoch. Ihr ganzer Körper zuckt dabei.
»Warum sagst du mir das?«
Hektisch streicht sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
Weil ich nicht will, dass unsere geisteskranke Regentin noch mehr Leben zerstört. Aber das werde ich ihr sicher nicht verraten. Niemand darf wissen, dass ich Nerezza Lyrae nicht die Treue halte. Auch wenn ich in der Führungsriege respektiert bin, jedem Gerücht wird nachgegangen. Ein Verfahren gegen mich wäre … ungut. Langsam erhebe ich mich von meinem Stuhl.
»Es wird Zeit.«
»Und was geschieht mit den anderen?«
Lira blinzelt unschuldig.
»Wenn sie Informationen haben, werden sie leben.«
»Aelin, bist du noch wach?«
In der Hoffnung, dass sie doch noch mit mir spricht, fliege ich wieder zu ihr. Das Panorama ist noch immer verdunkelt. Mit meiner Dravenmaske könnte ich zwar hindurchsehen, aber ich will ihre Privatsphäre nicht verletzen.
»Ich habe die ganze Nacht Schicht.
Melde dich jederzeit.«
Eigentlich sollte ich über ihr Verhalten gar nicht so verwundert sein. In den letzten Wochen hat sie sich schon ziemlich zurückgezogen. Es ist schwerer für mich, mich mit ihr zu verabreden. Meistens stalke ich ihren Standort und wir laufen uns mehr oder weniger zufällig über den Weg. Dabei meinte die Lilura zu mir, dass Aelin bald bemerken würde, was wirklich zwischen uns ist. Wahrscheinlich kann sie ihre Gefühle, wegen dieser schrecklichen Sache, die sie versucht vor mir zu verheimlichen, nicht richtig begreifen. Ich muss unbedingt herausfinden, was los ist. Den Gedanken, dass Aelin noch einmal in eine Situation gerät, in der ihr Avatar verletzt wird, kann ich kaum ertragen.
Was wollte sie am IF Tower?
Ein Rennen ist sie definitiv nicht geflogen, ohne Luftbrett. Jemand muss sie abgeholt haben. Zu Fuß ist es von ihrem Distrikt viel zu weit bis dorthin.
War es Sirrah?
Wobei ich die schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen habe.
Aber zu wem sonst hätte Aelin so viel Vertrauen, gemeinsam auf einem Vola zu fliegen?
Langsam schwebe ich mit meinem Brett näher an ihr Panorama. Ich kann einfach nicht anders. Ich aktiviere meinen Holo, um wenigstens ihre Vitalfunktionen zu checken. Aelins Melatoninlevel liegt bei 95 Pikogramm. Sie schläft. Ihr Atem geht unregelmäßig und sie bewegt sich viel. Innerhalb von kurzen Abständen zuckt ihr zierlicher Körper immer wieder zusammen. Nach dem, was ihr angetan wurde, ist es nicht ungewöhnlich, einen Albtraum zu haben. Am liebsten würde ich mich jetzt zu ihr legen und sie an mich drücken, damit der schlechte Traum schnell vorübergeht.
Bei Orion.
Lange halte ich die Situation nicht mehr aus. Das muss auch eine Caeli Ursa verstehen.