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Vorsitzender

Asterin

 

Die Verwahrung riecht immer gleich. Dekontaminationsmittel und darunter etwas das man gar nicht beim Namen nennen will. Canis Lupi hingegen riecht nach nichts.

„Ich verstehe nicht ganz, Castor.“

Er fasst sich ans Kinn seiner engen schwarzen Amon-Maske. Die blutunterlaufenen braunen Augen sind starr auf mich gerichtet.

Bei Canis Lupi muss ich auf der Hut sein.

Mein Holo verzerrt sich leicht, die Spycams in seinen Augen zeichnen jede Bewegung, jeden Atemzug und vor allem jedes Wort, das über meine Lippen kommt, auf.

„Wozu den Koffer öffnen, wenn die Draven bereits auf dem Weg ins Hospitum waren?“

Der Report, den ich Canis nach solchen Einsätzen schuldig bin, interessiert ihn heute gar nicht. Er fragt gezielt nach den fehlenden Phiolen.

„Ich kann die Xenis nur unter Abgabe von Supernal verhören.“

Die Venen und Arterien, die als tief rote Linien durch seinen nachtschwarzen Suit ziehen, verbreiten sich, pulsieren, pumpen schneller.

Verdammt.

Normalerweise treffen wir uns in seinem Büro im Staatsgebäude. Dass er extra in die Verwahrung kommt und die übrigen Gefangenen noch einmal verhören will, verheißt nichts Gutes.

„Es wird mehr als genug von dem Abschaum gefangen genommen, warum verschwendest du so leichtfertig unsere Ressourcen?“

Ich schlucke trocken. Obwohl Canis' Stimme so tief vibriert, dass sich meine Muskeln bereits unangenehm anspannen, breche ich unseren Blickkontakt nicht ab. Ich bleibe aufrecht vor ihm stehen. Es ist mir egal, dass er wesentlich älter und im Rang über mir steht.

Ich habe mir nichts vorzuwerfen.

Canis und die anderen Superspione von Nerezza können mich mal kreuzweise. Wesen leiden zu lassen, ist barbarisch und verstößt gegen das Gesetz. Nur weil er Teile seines Körpers durch Technologie ersetzt hat, um die Drecksarbeit der Regentin mit Handkuss zu erledigen, heißt das nicht, dass ich genauso grausam sein muss. Auch wenn Canis Lupi mich jetzt vielleicht anzeigt, stehe ich zu meiner Entscheidung.

„Das ist Nal in seiner reinsten Form, das ausschließlich für die Jäger zu verwenden ist. Hat man Ihnen das im Lager nicht eingeprügelt, Koordinator?“

Canis' Schwingung zieht bis in meine Organe und bringt sie schmerzhaft zum Vibrieren. Hitze staut sich unter meinem Suit.

„So ist es einfacher, an Informationen zu gelangen.“

Der Druck auf meiner Brust fühlt sich an, als hätte sich ein übergewichtiger Xeni auf mich gesetzt.

„Das Vertrauen der Xenis lässt sich leicht mit Hilfe von Supernal gewinnen, dann reden sie freiwillig. Ohne großen Aufwand.“

Der Vorsitzende verschränkt die Arme vor der breiten Brust.

 

 

„Vertrauen? Freiwillig?“

Dumpf prallen die Vibrationen aus seinem Kehlkopf auf mein Herz und beschleunigen die Schläge auf 95 pro Minute.

„Ja, wegen ihrer … Abhängigkeit.“

Presse ich atemlos hervor. Canis Lupi schüttelt den Kopf, während er auf mich zukommt. Er ist kaum größer als ich, aber seine Fähigkeiten als Amon sind Grund genug, ihn nicht unnötig zu provozieren. Sein eiskalter Atem streift über mein Ohr.

„Es ist mir egal, ob Sie sie verbrennen, verprügeln oder ihnen die Finger abschneiden, um an Informationen zu gelangen, Castor. Wir lassen uns auf keine Verhandlungen mit diesem Pack ein. Ist das klar?“

Mein Blut fließt schneller. Brennt kochend heiß durch meine Bahnen und rinnt als Schweiß aus meinen schwarzen Stiefeln heraus. Jedes einzelne Wort aus Canis' Mund hämmert auf mein Herz und bringt es fast zum Zerbersten. Gleichzeitig steigt der Druck auf meine Brust ins Unermessliche.

Ich kann kaum atmen.

„Ab jetzt werden so oder so alle getrennt, egal ob sie kooperativ sind oder nicht.“

Bei Orion!

Meine Zähne zermahlen sich gegenseitig. Meine Konzentration ist auf 115 %. Jeder einzelne Muskel in mir will sich zusammenziehen, verkrampfen. Es brennt, es sticht. Nur mit Mühe kann ich dagegen ankämpfen und mich auf den Beinen halten.

„Sie sind ein starker Koordinator, Asterin Castor.“

Canis schlägt mir auf die Schulter.

„Immerhin stehen Sie noch.“

Sein Lachen hallt schrill in meinen Ohren, aktiviert das Brechzentrum in meinem Gehirn. Mir dreht sich der Magen um.

Sein scheiß Ernst?

„Es wäre schade, wenn wir Sie ersetzen müssten.“

Die Tür surrt leise hinter mir auf und Canis Lupi verlässt die Zelle.

Meine Knie prallen ungebremst auf die grauen Fliesen. Mit den Händen stütze ich mich zitternd am Boden ab. Ich sehe verschwommen und mein Gehirn fühlt sich an, als wäre es auf den Punkt gegart worden. Zuckend zieht sich mein Magen zusammen und ein Schwall übelriechender Flüssigkeit ergießt sich aus meinem Mund.

Urgh. Verdammter Cybot.

Ich hole aus. Einmal, zweimal, und stelle mir vor, es wäre Serpentis Gesicht, auf das meine Faust eindrischt und nicht der harte Fliesenboden. Natürlich rennt dieser kranke Zellhaufen direkt zu Canis und erzählt ihm, was in der Einsatzzentrale passiert ist. Wenigstens splittern meine Knöchel durch die Dravenhandschuhe nicht.

Ab jetzt soll ich die Xenis also verbrennen? Gliedmaßen abschneiden? Und danach trennen?

Dieser elende schwarze Suit. Es reicht.

Der letzte Schlag ist so stark, dass die graue Fliese einen Riss bekommt.

Verdammt.

Ungefragt zeigt mir mein Avatar auf einmal Aelins wunderschöne blaue Puppenaugen.

Reiß dich zusammen, Ass.

Meine harte Arbeit darf nicht umsonst sein. Der Schmerz der Folter während der Ausbildung und die brutalen Einsätze, das alles habe ich durchgestanden, nur damit die Regierung mir vertraut. Damit sie keinen Verdacht schöpfen und mich nicht mehr so streng kontrollieren. Ich bin fast fertig mit den Vorkehrungen. Allzu lange wird es nicht mehr dauern. Ich kann jetzt noch nicht gehen.

Nicht ohne Aelin.

>Sie sind der Nächste.<

Scorpii. Auch das noch.

Ich schnalze laut mit der Zunge.

Diese elende Professorin hat immer das beste Timing.

Mit zwei Fingern streiche ich mir die feuchten Augen aus und richte mich langsam auf. Am Edelstahltisch stütze ich mich ab und verweile kurz, bis sich meine Sicht geklärt hat. Die meisten Räume, die ich bisher in der Verwahrung betreten habe, sehen ähnlich aus wie dieser. Grelles weißes Licht, Edelstahlschränke, ein Behandlungstisch, der Geruch von Dekontaminationsmittel. Ich will gar nicht wissen, wie viele Xenis und Exen hier schon von ihrem Avatar getrennt wurden. Nervös streiche ich mir durch die Haare. Ich bin auf 55 %. So sollte ich mich nicht bei Scorpii blicken lassen.

>Abschnitt C, Zelle 552.<

Es ist immer Abschnitt C, Zelle 552.

Genervt verdrehe ich die Augen und materialisiere meine Dravenmaske.

„Warum sollte sie sich nicht matchen lassen?“

„Cassio, sie ist dafür noch gar nicht bereit.“

Mit der Maske wird meine 115 % Aufmerksamkeit noch verstärkt. So sehr, dass ich hören kann, was in der Zelle neben mir gesprochen wird.

„Wie bitte? Warum weiß ich nichts davon? Warst du mit ihr bei einem Medi?“

Cassios Stimme klingt so besorgt, wie ich mich fühle.

Ist Aelin krank?

Neugierig stelle ich mich näher an die Wand.

„Nein, nicht ihr Avatar. Mental meine ich. Eine Partnerschaft, das ist noch nichts für sie.“

Tz. Caeli Ursa hat doch keine Ahnung.

„Sie will doch studieren, einer Profession nachgehen.“

„Wenn es so wäre, dann hätte sie uns heute begleitet.“

Aelins Eltern sind ziemlich nachsichtig mit ihrer Tochter. Nachdem ich das Studium auf der A3000 abgelehnt habe, muss ich mich sofort woanders einschreiben. Wenn Aelin sich nicht bald entscheidet, muss ich sie vielleicht noch bei meinen Jägern unterbringen, bevor Nerezza sie als Dienstverweigerin ins Lager schickt. Der schwarze Suit würde schrecklich an ihr aussehen. Ihr unschuldiger Blick und dieser brutale Anzug. Und dann die harte Ausbildung …

Furchtbar.

Aber wenn es der einzige Weg ist, ihre Sicherheit zu gewährleisten, werde ich es tun. Ihren Bluttest zu manipulieren, ist zwar riskant, aber mit der richtigen Vorbereitung schaffe ich das.

Bei mir habe ich es ja auch hingekriegt.

„Du hast es doch gehört, sie ist heute schon verabredet. Das war eben zu spontan.“

Was? Verabredet?

Mein Holo aktiviert sofort die Standortsuche. DEAKTIVIERT. Blinkt in großen Lettern auf meinem Screen.

Bei Orion! Mit wem ist sie zusammen?

„Ich weiß, du willst es nicht wahrhaben, aber Aelin ist ungeeignet für eine Profession. Ihr Avatar ist zu labil.“

„Cassio!“

Ungeeignet? Sie war doch nur aufgeregt.

Im Hintergrund versucht mein Holo, Aelins Standortdeaktivierung rückgängig zu machen. Aber sie hat eine starke Wall.

„Das war das Cortisol. Sie hat sich zu viel Stress gemacht, nur deshalb hat sie die Besinnung verloren. Noch einmal passiert ihr das sicher nicht.“

„Warum hat sie sich dann nicht für die Wiederholungsprüfung eingeschrieben?“

Caeli Ursa atmet genervt aus. Mir gegenüber hat Aelin auch nicht erwähnt, dass sie noch Interesse an der A3000 hat. Aber wahrscheinlich ist ihre Angst vor einem Bluttest zu hoch. Das Testverfahren für die A3000 ist kompliziert. Ich bin froh, dass ich mir über den Ursprung meiner Gefühle zu Aelin klar geworden bin, bevor ich mich tatsächlich eingeschrieben habe und die ganzen Tests losgingen.

DEAKTIVIERT.

DEAKTIVIERT.

Egal auf welchem Weg mein Holo es versucht, er kommt nicht an ihre Koordinaten.

Verdammt.

Von wem hat sie so eine starke Wall? Von Sirrah?

Sie kann ich in den letzten Wochen auch nicht erreichen, dabei waren wir fest verabredet.

„Ich weiß, dass du Aelin gerne in deine Fußstapfen treten sehen willst, aber du musst sie so akzeptieren, wie sie ist. Sie hat kein Interesse an unseren Forschungen.“

„Das stimmt nicht.“

Caeli klingt trotzig.

„Bei Orion, sie will nicht mal Praktikantin sein.“

>Asterin, Castor!<

Oh.

Scorpii habe ich ganz vergessen.

>Es passt jetzt nicht.<

Aelin ist wichtiger.

 

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